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Indonesien

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Religiöse Freiheit

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Quelle: Riawan-Seibert

 

Hannover. „Indonesien ist auf dem gleichen Weg wie Pakistan“, prophezeit Andy Budiman. Er hält einen Kugelschreiber in der linken und einen weiteren in der rechten Hand. „Wenn hier die Toleranz ist“, Budiman hebt den linken Stift, „dann bewegt sich Indonesien immer mehr auf die Intoleranz zu.“ Er wackelt leicht mit dem rechten Stift.

Budiman verfolgt die religiösen Spannungen in seiner Heimat genau. Derzeit arbeitet er in der indonesischen Redaktion der Deutschen Welle in Bonn. Am Mittwochabend, 21. November, ist Budiman zu Gast beim Kirchlichen Entwicklungsdienst in Hannover.
 
Das Thema des Abends: Wie gestaltet sich Religionsfreiheit im größten muslimischen Land der Welt?
Journalist Andy Budiman und die indonesische Generalkonsulin Marina Estella Anwar Bey präsentieren die aktuelle Lage und stellen sich im Anschluss den Fragen des Publikums.
 
Bis in die hinterste Reihe stehen die Besucher der zweiten Podiumsdiskussion der Themenreihe Indonesien. Genauso vielfältig wie das asiatische Land ist das Publikum: Deutsche Studenten sitzen neben weitgereisten Senioren und jungen Indonesiern in bunten Hemden. Alle lauschen den Ausführungen der beiden Podiumsgäste.
 
Jahrelanger Streit um die Jasminkirche
 
Seit 2002 ein Streitpunkt: Die Jasminkirche in Bogor auf der Insel Java. Obwohl die Zentralregierung in Jakarta dem Kirchenbau schon vor zehn Jahren zugestimmt hat, muss die evangelische Gemeinde ihre Gottesdienste weiterhin unter freiem Himmel abhalten. Der Bürgermeister von Bogor findet immer neue Gründe die Fertigstellung der Kirche zu verhindern.
 
Für Andy Budiman ist dies kein Einzelfall: „In Indonesien gilt eine Trennung zwischen Staat und Religion. Trotzdem wird in 350 Dörfern islamisches Gesetz angewandt.“ So auch in der Provinz Aceh. In der Hauptstadt Banda Aceh habe die lokale Polizei 300 Frauen festgenommen, weil sie gegen die muslimische Kleiderordnung verstoßen haben. Diese besagt, dass die Muslima ihren ganzen Körper bis auf Füße und Gesicht verhüllen muss. Radikale Islamisten peinigten die unverhüllten Frauen, indem sie ihnen die Harre abschnitten oder mit Farbe übergossen. „Anderen Frauen, die lange Hosen trugen, wurden die Hosen zerschnitten“, erzählt Andy Budiman.
 
Verfassung garantiert Religionsfreiheit
 
Seit der Unabhängigkeit 1945 basiert die indonesische Verfassung auf den fünf Gedanken der Pancasila. Diese umfasst den Internationalismus, die nationale Einheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Der erste Grundsatz unterstreicht den Glauben an einen, allmächtigen Gott. „Unsere Verfassung garantiert jedem Bürger die Religionsfreiheit“, sagt Generalkonsulin Marina Estella Anwar Bey.
 
Im Vielvölkerstaat Indonesien leben mehr als 240 Millionen Menschen. Fast neunzig Prozent von ihnen bekennt sich zum Islam. Christen stellen in Indonesien die größte religiöse Minderheit. 6,9 Prozent der Bevölkerung sind Protestanten, knapp drei Prozent bekennen sich zum Katholizismus. Noch weniger, nämlich 1,6 Prozent sind Hinduisten und weniger als ein Prozent der Indonesier folgen dem Buddhismus oder dem Konfuzianismus.
 
All diese Religionen leben laut Verfassung gleichberechtigt nebeneinander. So haben Indonesier sowohl am Ende des Ramadan frei, wie auch an Weihnachten oder dem balinesischen Fest Galungan. Obwohl der überwiegende Teil der Bevölkerung Muslime sind, sei Indonesien kein islamischer Gottesstaat, betont Marina Anwar Bey. „Meine Familie, wir sind Christen und wir leben Seite an Seite mit den Muslimen. Es gibt immer noch eine sehr große Toleranz.“
 
Als internationales Vorbild führt sie das Demokratie-Forum auf der Insel Bali an. Seit 2008 treffen sich hier jedes Jahr Staatschefs aus der ganzen Welt und diskutieren, wie Friedenspolitik demokratisch durchzusetzen sei. Bereits seit 1998 arbeite die Regierung an umfassenden Reformen in Politik und Wirtschaft. Die Generalkonsulin wirft einige Punkte an die Wand. So fördere die indonesische Regierung den interreligiösen Dialog und die Toleranz gegenüber Minderheiten. Besonders wichtig sei die Zusammenarbeit mit religiösen Institutionen und Bildungseinrichtungen. Hier entstehe oft religiöser Fanatismus. Die Politik versuche radikale Bewegungen im Keim zu unterbinden.
 
Besucherin Brigitte Willach berichtet von Panzerfahrzeugen und Polizisten, die in der Hauptstadt Jakarta eine Kirche bewachten. Weihnachten unter Polizeischutz. „Da hatten wir schon ein mulmiges Gefühl im Bauch, als wir Weihnachten zur Messe gegangen sind“, erinnert sich Willach. Diese Spannungen seien ihr aber nur in Jakarta aufgefallen. In anderen Teilen des Landes leben Muslime, Hindus und Christen friedlich nebeneinander.
 
Akademiker denken radikal intolerant
 
Schon heute toleriert eine von vier Indonesiern Gewalt, um religiöse Konflikte zu lösen. 22 Prozent der Bevölkerung sind der Terrorgruppe Al Qaida gegenüber positiv eingestellt. Darunter sind leider auch Akademiker. Sie wurden offensichtlich durch Bildung verunsichert statt in der eigenen Identität gestärkt. Toleranz fällt ihnen schwer. „Zahlen die alarmieren“ so lautet Budimans motivierter Gewalttaten angemessen zu bestrafen. Im Moment hätten Richter Angst, gegen Übergriffe hart vorzugehen. Religiöse Minderheiten werden so weiterhin diskriminiert,
 
Unterstützen statt nur anklagen
 
„Wir sprechen von zwei ganz unterschiedlichen Problemen“, erläutert Generalkonsulin Anwar Bey, „ Das eine sind soziale Konflikte, das andere Gewalt, die von radikalen Gruppierungen ausgeht.“ Um diese beiden Probleme in den Griff zu bekommen, müsse die Zentralregierung in Jakarta die Verfassung in allen Provinzen durchsetzen. Eine echte Herausforderung in einem Land, dass vom östlichsten bis zum westlichsten Punkt gut 5000 Kilometer umspannt. Hinzu kommt, dass die Indonesier auf mehr als sechs tausend Inseln wohnen.
 
Generalkonsulin Anwar Bey kommt zu dem Schluss, dass die indonesische Regierung viel von Deutschland lernen könne. Besonders im verantwortungsvollen Umgang mit Sicherheitskräften und der Polizei. In Indonesien müssen sich die demokratischen und regionalen Strukturen erst festigen. Die Polizisten wüssten oft nicht, wie sie die gewalttätigen Konflikte lösen sollen.
Marina Estella Anwar Bey hofft auf die Hilfe der deutschen Regierung: „Man sollte nicht immer nur die Missstände anprangern, sondern uns auch unterstützen.“
 
Ein erster Schritt ist getan. Im vergangenen Jahr waren indonesische Parlamentarier in Berlin, um sich beim zweiten Interreligiösen Dialog über das Zusammenleben verschiedener Religionen auszutauschen. Dabei konnten sie zugleich einen Einblick in das föderale System zu gewinnen. Indonesien will weg von der Zentralregierung hin zum dezentralen Inselstaat, der sich an den Provinzen orientiert.
 
Neben dem Kirchlichen Entwicklungsdienst der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig und Hannovers (KED) hatten zu dem Abend folgende Organisationen eingeladen:
Die Vereinigung Indonesischer Studenten in Hannover (PPI), die Indonesische Katholische Studentenfamilie (KMKI), der Muslimische Verein Hannover (KMH) sowie die Balinesische Gemeinde Deutschland (NBB).
 
Moderatorin Dr. Cornelia Johnsdorf bedankte sich besonders beim hauptverantwortlichen KED-Referenten Christian Riawan-Seibert, der zwischenzeitlich sogar als Übersetzter einsprang. Nach der Diskussion blieb bei einem indonesischen Buffet genug Zeit, um auch die letzte Frage persönlich zu klären.

Christoph Niekamp

Bereits im 2. Jahrhundert breiteten sich der Hinduismus und der Buddhismus aus Indien aus. Arabische Händler brachten im 7. Jahrhundert den Islam nach Indonesien, der sich schnell verbreitete und bis zum 15. Jahrhundert gründeten sich auf vielen Inseln muslimische Königreiche. Mit Ankunft der Portugiesen im 15. Jahrhundert erreichte der Katholizismus Indonesien. Die niederländischen Kolonial brachten hundert Jahre später den protestantischen Glauben. Die kleinste Religionsgemeinschaft der Konfuzianisten besteht fast ausschließlich aus chinesischen Einwanderern.

Palmölplantagen

Sind Monokulturen die Zukunft Indonesiens?
Warum ist Palmöl so beliebt?
Wie erkenne ich, dass Palmöl in einem Produkt enthalten ist?
Wo kann ich mich als Verbraucher informieren?

Die Hauptabnehmer sind die Industrieländer. Sie profitieren von der vielseitigen Pflanze. Es ist gesund, veredelt Kosmetika und ist unter anderem in Margarine, Fertiggerichten, Wasch- und Putzmitteln und man kann sogar auch damit Autofahren.

Ebenso ist es bekannt, dass die größten Palmölplantagen der Welt in Indonesien liegen. Sogar als Palmölproduzent hat Indonesien mittlerweile Malaysia überholt und ist somit weltweit an erster Stelle. Es wird immer heftig umstritten, denn für die Plantagen werden Regenwälder gerodet und Indigene vertrieben.
 
Nicht nur die Dezentralisierung oder Korruption sind das Hauptproblem, die bereits Indonesien zur Last fallen. Leider haben auch lokale Politiker eindeutig versagt. Es sind drei wesentliche Merkmale, die sie versäumt haben. Erstens, die Politik der Forstwirtschaft unterstützt die Monokulturen. Somit werden viele Nebenprodukte, die ebenso wichtig die Nahrungsquelle für Indonesien sind, unterbewertet.
 
Zweitens, mit dem massiven Vorgehen der Waldbewirtschaftung in kurzer Zeit hat das Land keine Chance, sich selbst zu regenerieren.
Drittens, die Bevölkerung und Indigenen werden weder gefragt noch unterstützt.
 
Viele der Indigenen in Indonesien handeln tagtäglich nach „Adat“. Sie kennen diese bereits vor der Gründung Indonesiens. Es sind traditionelle Weisheiten, Regeln und Umgang mit der Natur, die für Sie verpflichtend sind und obwohl sie Recht auf ihr Land haben, werden diese Ansprüche schlicht ignoriert. Vor Ort arbeiten sie zusammen mit NGOs und fördern:
Viele der Indigenen in Indonesien handeln tagtäglich nach „Adat“. Sie kennen diese bereits vor der Gründung Indonesiens. Es sind traditionelle Weisheiten, Regeln und Umgang mit der Natur, die für Sie verpflichtend sind und obwohl sie Recht auf ihr Land haben, werden diese Ansprüche schlicht ignoriert. Vor Ort arbeiten sie zusammen mit NGOs und fördern:
 

  1. Die Umwandlung von Wald in Palmölplantagen muss sofort gestoppt werden und mehr für die Wiederaufforstung getan werden, um die Existenz der Indigenen zu sichern.
  2. Die bisherigen Gesetze zur wirtschaftlichen Tätigkeit von ausländischen Investitionen müssen überarbeitet werden mit dem Ziel politische soziale und ökologische Interessen der regionalen Bevölkerung besser zu berücksichtigen.
  3. Die Gesetze der „Adat“ müssen etabliert werden, um das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur wieder herzustellen.
  4. Mehr Entscheidungsmöglichkeit der Bevölkerung und Indigenen in Bereichen bei der Vergabe von Land.

 
In Deutschland versuchen NGOs wie „Rettet den Regenwald e.V.“, „Greenpeace“ oder „Robin Wood“ die Verbraucher zu informieren. Denn es sind nicht nur Palmöl die den Regenwald ausrottet, viele Tropenhölzer landen Weltweit in den Baumärkten.
 
Natürlich ist es auch möglich Palmöl zu ersetzen, durch ein anderes Pflanzenfett. Es ist lediglich eine Frage des Preises. Ebenso gibt es bereits Palmöl aus nachhaltigem Anbau und dazu zertifiziert. Aber leider existiert kaum eine zuverlässige Information und hinzu findet als Endprodukt keine Trennung zwischen dem Öl aus verschiedenen Produktionsarten statt.
 
Letztendlich können wir zurzeit nur an die Konzerne appellieren, kein Palmöl einzusetzen, und an die Verbraucher, möglichst unverarbeitete Lebensmittel zu kaufen. Falls Sie auf die Angaben der Hersteller nicht verlassen möchten, können Sie sich beraten lassen oder mit Robin Wood in Bremen Kontakt aufzunehmen

Text: KED

3. November 2017 von Nadja Ayoub Kategorien: Umwelt- & Klimaschutz

Herkömmliches Palmöl stammt oft aus Plantagen, für die Regenwald abgeholzt wurde. Nestlé, Mars und Hershey wollten eigentlich schon länger kein Palmöl mehr von solchen Plantagen beziehen. Wie es aussieht tun sie es jedoch weiterhin.
Nestlé, Mars und Hershey verwenden Palmöl unter anderem für ihre Schokoriegel. Das Pflanzenöl ist jedoch ein höchst problematischer Rohstoff: Aufgrund der hohen Nachfrage werden Ölpalmen auf riesigen Plantagen angebaut, für die vielerorts illegal Regenwald gerodet wird – bedrohte Tierarten verlieren ihren Lebensraum und Urwaldvölker werden gewaltsam vertrieben.
Schon vor mehreren Jahren haben große Unternehmen wie  Nestlé sich zum Ziel gesetzt, kein Palmöl mehr von Plantagen zu verwenden, für die Regenwald zerstört wird. Dem britischen Guardian zufolge beziehen aber alle Nestlé, Mars und Hershey weiterhin Palmöl, das im Leuser-Gebiet in Indonesien angebaut wird. In dem Gebiet leben unter anderem Tiger, Orang-Utans, Elefanten und Nashörner – die illegalen Palmöl-Plantagen zerstören ihren Lebensraum.

Nestlé und Co. brauchen transparente Lieferketten
Doch wie kann es sein, dass Unternehmen wie Nestlé, Mars und Hershey es nicht schaffen auf problematisches Palmöl zu verzichten – trotz öffentlicher Verpflichtung?
Das Problem liegt in der Rückverfolgbarkeit des Palmöls. Die Unternehmen müssten erst einmal nachvollziehen können, aus welchen Plantagen ihr Palmöl eigentlich stammt. Aufgrund komplexer Produktions- und Lieferketten ist das aber oft nicht bekannt.
Solange nicht klar ist, woher das Palmöl stammt, kann es auch aus problematischen Gebieten wie etwa dem Leuser-Naturreservat kommen. Nestlé, Mars und Hershey versprechen schon seit Jahren, ihre Zuliefererketten zu analysieren und bis zur Palmöl-Plantage zurückzuverfolgen – allerdings haben sie ihre Versprechen nicht gehalten. Das Aktionsnetzwerk „Aktionsnetzwerk Regenwald“ (Rainforest Action Network, RAN) spricht dabei sogar von bewusster Täuschung der Konsumenten.

Nestlé verschiebt seine Palmöl-Ziele
Nestlé hatte nach einer Greenpeace-Kampagne aus dem Jahr 2010 zugesagt, bis 2015 nur noch nachhaltig angebautes Palmöl für seine Produkte zu verwenden, für das kein Regenwald zerstört wird.
Dieses Ziel hat Nestlé laut dem Guardian jedoch verfehlt. Eine Sprecherin von Nestlé nannte dem Guardian konkrete Zahlen: Derzeit könne Nestlé 90 Prozent des Palmöls zur Ölmühle und nur etwa zwei Drittel bis zur Plantage zurückverfolgen. Ein großer Anteil des verwendeten Palmöls stammt damit von unbekannten Quellen – also wahrscheinlich auch von illegalen Plantagen. Das Ziel nur noch nachhaltiges Palmöl zu verwenden hat Nestlé nun auf 2020 verschoben.

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Mars: „Die Herausforderung ist offensichtlich“
Auch Mars hatte versprochen, kritisches Palmöl bis 2015 aus seiner Lieferkette zu verbannen. Das ist ebenfalls nicht gelungen. Bis heute bezieht Mars kritisches Palmöl – ein Sprecher erklärte gegenüber dem Guardian: „In diesem Jahr sind 97 Prozent unseres Palmöls bis zur Ölmühle zurückverfolgbar und 40 Prozent bis zur Plantage“. Der Sprecher räumte gleichzeitig ein, dass die Herausforderung im Leuser-Gebiet „offensichtlich“ sei und Mars bereits daran arbeite, etwas gegen das Problem zu tun.

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Rückschritte mit Palmöl bei Hershey
Noch düsterer sieht es bei Hershey aus. Das Unternehmen ist einer der weltgrößten Schokoladenhersteller, die Marke ist in Deutschland jedoch weniger bekannt als etwa Nestlé. Auch Hershey erklärte, man wolle bis 2016 in der Lage sein, das gesamte Palmöl bis zur Plantage zurückzuverfolgen. Auch das ist nicht passiert, schreibt der Guardian. Das Gegenteil ist der Fall: Während Anfang 2016 noch 27 Prozent des Palmöls bis zu den Plantagen zurückverfolgbar waren, waren es Ende des Jahres nur noch 14 Prozent. Genau wie Nestlé hat Hershey die ursprüngliche Selbstverpflichtung auf das Jahr 2020 verschoben.

„Konsumenten werden getäuscht“
Unternehmen wie Nestlé, Mars und Hershey kommunizieren nach außen hin immer wieder große Ambitionen und Maßnahmen hinsichtlich eines nachhaltigeren Umgangs ihrerseits mit Palmöl. Liest man sich ihre Unternehmenswebseiten durch, könnte man den Eindruck bekommen, dass sie tatsächlich viel leisten.
Das Aktionsnetzwerk Regenwald ist jedoch überzeugt, dass dahinter eine Masche steckt: „Nestlé, Mars und Hershey haben sich jahrelang ihre Palmöl-Ziele wie Rosinen herausgepickt und sie dann verschoben, wenn sie sie nicht erfüllt haben“, zitiert der Guardian die Organisation. „Unserer Ansicht nach haben die Marken die Konsumenten getäuscht, indem sie kontinuierlich behaupten, sie würden gegen Entwaldung vorgehen ohne die nötigen Maßnahmen umsetzen.“

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Landgrabbing

Wem gehört das Land? Bauernkämpfe in Indonesien

Im Dezember 2008 überfielen 500 Polizisten und private Schläger den Weiler Suluk Bongkal in der Provinz Riau, vertrieben die Bewohner. Zwei Militärhubschrauber warfen Napalm ab, um die 700 Hütten abzufackeln. Zwei Kinder wurden getötet, 200 Leute festgenommen, die anderen konnten fliehen. Der Überfall geschah im Auftrag des Sinar Mas-Konzerns.

In Indonesien ist nur ein kleiner Teil des Bodens mit einem Besitztitel versehen – auf der Hauptinsel Java etwa ein Drittel, auf den anderen Inseln noch weit weniger. Nicht alle Streitfälle werden bekannt, es sind hunderte, möglicherweise tausende mit Toten (2011 schon mindestens sieben Opfer), Verletzten, Verhaftungen. Aber die Kämpfe sind immer lokal, es gibt so gut wie keine Verbindung zwischen ihnen.

Herrschaft, Ausbeutung, Raub: Kurzer Abriss über die Bauerngeschichte
Indonesien könnte das Paradies sein: tropisches Klima, fruchtbarer Boden, Wasser im Überfluss. Möglicherweise gab es deshalb im vorkolonialen Feudalismus keinerlei Vorstellung darüber, dass der Boden jemandem gehören könnte. Feudalismus ist durch persönliche, direkte Gewalt- und Herrschaftsbeziehungen definiert. Dazu braucht es Ideologie (Religion) und Waffen, die nur auf der einen Seite verfügbar sind.

In Europa gab es, als Erbe des römischen Kaiserreichs, bei den Herrschenden und bei den Beherrschten immer einen Bezug zum »eigenen« Land – trotz der Wanderungen, der vielen Vertreibungen durch Kriege, Fehden usw. Der Bauer arbeitete auf »seinem« Land und das blieb – im Prinzip – auch so, wenn der Herr wechselte. Ihm zahlte er von dem, was er »seinem« Land abgerungen hatte, eine Feudalsteuer, zum Beispiel den »Zehnten« an die Klöster.

In Indonesien besaß ein Fürst kein Land, er besaß Bauern, Gefolge. Diese hatten Kopfsteuer zu entrichten. Wenn ein Raja einem Unterling ein neues Gebiet zuwies, brachte der »seine« Bauern mit und vertrieb die Ansässigen. Den Bauern wurde Land zugewiesen, auf dem sie die zu zahlende Kopfsteuer erwirtschaften sollten (Onghokham, 11f). Eine Vorstellung von Land als »Besitz« gab es weder bei den Herrschenden, noch bei den Beherrschten. Da die Bevölkerungsdichte gering war, gab es für die Leute immer die Möglichkeit, sich irgendwo ein neues Stück Land urbar zu machen.

Die Kopfsteuer wurde dorfweise entrichtet, der Dorfvorsteher hatte dafür zu sorgen, dass sie erbracht werden konnte. Die Bewässerung der Reisfelder ist üblicherweise eine gemeinsame Anstrengung des Dorfes; so wurde auch der Boden gemeinsam, d.h. durch den Dorfvorsteher, verwaltet. Mal wurde er nach jeder Ernte neu verteilt, mal nur, wenn der bisherige Besitzer starb.1 (Kano, 60)

Die Vorstellung von »Landbesitz« wurde von den Kolonialmächten gebracht. Die holländische VOC verwaltete allerdings nur einen kleinen Teil der Fläche direkt; sie zwang die Fürsten, Abgaben zu zahlen, so dass sich erst wenig änderte – außer dass die Ausbeutung der Bauern verschärft wurde. Erst die Engländer (während der »Kontinentalsperre« 1806-14) führten westliches Recht und die Idee von Eigentum ein. Sie sprachen den gesamten Grund und Boden dem Staat, d.h. dem Adel zu, der es den Dorfvorstehern verpachten konnte und die wiederum an die Bauern (Vlekke, 300). Die Holländer luchsten später den Adligen ohne Ausnahme den Boden gegen die Zahlung einer kleinen Apanage wieder ab – die hatten überhaupt nicht verstanden, was sie da wieder hergaben. Die Folge war, dass die Dorfvorsteher und die einheimischen Regionalverwalter (»Bupati«) reich wurden, die Masse der Bauern verarmte, viele erlagen schrecklichen Hunger- und Krankheitsepidemien. Die Bauern waren aber nicht nur Erdulder, sondern wehrten sich – indem sie flohen oder indem sie sich an Aufständen beteiligten. Im 18. und 19. Jahrhundert gab es »fast jedes Jahr« lokale Bauernaufstände (Mustain, 125). Privater Großgrundbesitz (wie etwa auf den Philippinen) ist nie entstanden – am Ende der Kolonialzeit erbte die Republik Indonesia riesigen Staatsbesitz.2

Die junge Republik übernahm zunächst die Gesetze der Kolonialmacht, ergänzt durch das Prinzip »Das Land denen, die es bebauen«. »Abwesende Besitzer« wurden enteignet, umverteilt aber wurde kaum. 1960 begrenzte das Gesetz zur »Landreform« die Größe von privatem Grundbesitz und sprach jedem Bauern Grundbesitz zu. Das Gesetz gilt im Prinzip heute noch, umgesetzt wurde es nie. Allerdings nahmen die armen Bauern, die millionenfach im Bauernverband der Kommunistischen Partei PKI organisiert waren, die Landverteilung oft selbst in die Hand. Das Massaker »an den Kommunisten« nach dem Militärputsch 1965/66 war im Kern ein Massaker an den armen Bauern durch die reicheren Grundbesitzer, die um ihren Besitz fürchteten. Die Diktatur unter Soeharto versuchte wenig erfolgreich, mittels der Staatsplantagen eine »Grüne Revolution« durchzuführen. Die Staatsplantagen verwalteten aber nicht nur alten Staatsbesitz, sondern rissen auch Land der Bauern an sich, vor allem der Bauern, die als »Kommunisten« um ihr Leben fürchteten und sich nicht wehrten. Etwa 40 Prozent des Bodens der Staatsplantagen seien gestohlen, meinte der Präsident von 2000, Abdurrahman Wahid. (Dunia Dalam XX, 14). Die Armut auf dem Land nahm nicht ab.

Um das Jahr 2000 zählen etwa 42 Millionen Familien (124 Millionen Menschen) als Bauern, von ihnen besitzen knapp zehn Millionen Familien gar kein Land und weitere zehn Millionen weniger als einen halben Hektar. Von den 190 Millionen Hektar Landfläche in Indonesien besitzen die Bauern knapp acht Millionen, die Staatsplantagen 23 Millionen Hektar (FMN)3. Seit dieser Zeit wächst eine dritte Partei, die vorher nicht so wichtig war: privatkapitalistische Plantagen.

Es geht vor allem um die Ölpalme. Vor hundert Jahren eingeführt, gedeiht sie am besten in Moorgebieten, d.h. in frisch gerodetem Urwald. Umfassten die Palmölplantagen 1995 noch eine Million Hektar, sind es heute mehr als sechs Millionen. Wie viel Waldmoorland dafür abgeholzt wurde, weiß so richtig niemand; sicher ist, dass noch Konzessionen für weitere 41 Millionen Hektar Wald offen sind und trotz kürzlich beschlossenem Abholz- »Moratorium« genutzt werden können. (The Jakarta Post, 10.11.10)

Auseinandersetzungen um Land werden heute an zwei Fronten geführt, die sich manchmal überschneiden. Seit dem Sturz Soehartos kämpfen viele Bauern um die Rückgabe des Landes, das ihnen während der Diktatur zugunsten der Staatsplantagen geraubt worden war; viele Fälle sind noch nicht entschieden. Und seit wenigen Jahren nehmen die Streitfälle zwischen Bauern und privaten Plantagenfirmen zu, die von irgendwoher ein Nutzungsrecht bekommen haben und das Land der Bauern in Beschlag nehmen.

Statistik und Wirklichkeit: Beispiel Tapsel
Tapanuli Selatan war früher ein sehr ländlicher, dünn besiedelter und armer Regierungsbezirk. Etwa 300 km südlich vom Toba-See gelegen, gehört er noch zur Provinz Nordsumatra. Seit dem Gesetz zur »Autonomie der Gebiete« 2004 ist die Zentralregierung nur noch für den Primärwald zuständig, für das übrige Land die Bezirksverwaltung, die großzügig Genehmigungen zur Einrichtung von Ölpalmenplantagen verteilte. Immer mehr private Firmen kamen und kauften Land von den Ansässigen. Die waren meist erstmal ganz erfreut, da die Firmen auch für Land zahlen wollten, das für die Bauern bislang wertlos war. Es war nicht viel Geld, aber mehr, als die Bauern je gesehen hatten. Es soll sogar Demonstrationen gegeben haben von Bauern, deren Land nicht gekauft worden war.

Meist kam das Kapital unter irgendeinem einheimischen Namen. Die Nutzungsgenehmigung des Bupati für ein Stück Land wird gewöhnlich stillschweigend auf den benachbarten Urwald ausgedehnt. Sollte dies vom Forstministerium entdeckt werden, ändert die Firma den Namen. Da der Wald dann aber bereits gerodet ist, fällt die Zuständigkeit automatisch an den Bupati. Oder Wald wird direkt zum Sekundärwald »umgewandelt«. Newmont etwa hat sich der Hilfe von NGOs versichert, die die Orang Utans und gegebenenfalls Tiger etc. »retten«, d.h. einfangen und in Reservate bringen. Ohne zu schützende Tiere ist der Wald ein Sekundärwald...

Die ehemaligen Bauern versuchen, sich mit dem Geld eine neue Existenz aufzubauen, was häufig schief geht – wie viele Taxis oder Kramläden braucht ein Dorf? Sie werden über kurz oder lang Landarbeiter auf den Plantagen; wenige schaffen es, in die Stadt umzuziehen.

Viele Bauern verkauften nicht, weil ihnen die Entschädigung zu gering war, andere wollten nicht in die Abhängigkeit der Plantage geraten. Hier entwickelten sich schnell Konflikte, denn mit der Einrichtung von Plantagen wird andere Landwirtschaft unmöglich: Man kann keinen Reis inmitten von Palmwäldern anbauen – alle Plagen der Gegend, vor allem die Mäuse, würden sich auf das verbliebene Feld stürzen (siehe auch: Situmorang1). So sind auch die Bauern gezwungen, auf den ihnen verbliebenen oder auch neu zugeteilten Flächen Ölpalmen anzupflanzen.

Aber auch andere Konflikte gibt es: es kommt vor, daß sich mehrere kapitalistische Firmen um das gleiche Stück streiten   und die Bauern in diesen Streit hineinziehen.

Die Proteste von Bauern oder ehemaligen Bauern wurden mit der vereinigten Macht des Kapitals, des Staates und der Kirche (in diesem Fall die evangelische Batak-Kirche) eingedämmt, es ist ein Klima der physischen und psychologischen Einschüchterung entstanden. Das früher ruhige, rückständige und arme Tapsel ist heute in drei Bezirke unterteilt, besitzt Hotels und drei Flugplätze und einen ständig besetzten Posten der Mobilen Einsatztruppe der Polizei.

Der Berichterstatter, ein erprobter Aktivist der Gewerkschafts- und Umweltbewegung in Nordsumatra, stammt selbst aus der Gegend, seine Familie lebt dort noch auf eigenem Land. Er sieht derzeit keine Chance für den Aufbau einer offenen Protestbewegung. Deshalb will er anderswo ansetzen: Die Arbeit der Bauern ist höchst unproduktiv. Er denkt, wenn sie produktiver, also etwas weniger arm wären, wären sie nicht so anfällig für den Betrug durch das Kapital. Letztes Jahr hat er die erste Motorhacke in sein Dorf gebracht.

Beispiel Persil 4/Tungkusan: Geister der Vergangenheit
Die Bauern des Dorfes Persil 4, etwa 40 km von Medan, Nordsumatra, entfernt, waren Opfer der Kommunistenhetze nach dem Soeharto-Putsch 1965/66. Ihnen war schon 1956 der Boden als Besitz zugesprochen worden, doch nach dem Putsch wurden sie zugunsten der Staatsplantage enteignet. Nach 1998 begannen zwei ältere Männer, die alten Urkunden herauszusuchen und die anderen Bauern dafür zu gewinnen, sich den Boden zurück zu holen. Es geht um etwa 400 Familien mit einem Anspruch von 0,8 bis 2 Hektar pro Familie. Es waren jahrelange Anstrengungen, in denen die immer noch vorhandene Angst überwunden und auch die Jungen, die längst ein Auskommen in der Stadt haben, überzeugt werden mussten. Sie beschritten den juristischen Weg, aber gleichzeitig auch den direkten: Bei der ersten Besetzung kam es gleich zu Auseinandersetzungen mit Schlägern, die die Staatsplantage in der Stadt angeheuert hatte, bei der mehrere Leute schwer verletzt wurden – unter der Beobachtung eines starken Polizeiaufgebots. Danach war der Mut der Leute etwas gedämpft, aber auch das Interesse linker Studenten aus Medan geweckt, die sie seither moralisch und mit Öffentlichkeitsarbeit und Rechtsbeistand unterstützen. Tatsächlich war der juristische Weg nach jahrelangen Prozessen erfolgreich: das Oberste Gericht sprach ihnen das Land zu, die Staatsplantage muss für die ganzen Jahre der Diktatur Pacht nachzahlen. Das war aber nicht das glückliche Ende, denn das gesprochene Recht muss im immer noch antikommunistisch geprägten Korruptionssumpf im Umfeld der Staatsplantagen durchgesetzt werden. Die Staatsplantage bezahlt bisher weder Pacht, noch lässt sie die Leute das Land betreten - mit der Begründung, dass ihr vielleicht nicht das Land, aber die Palmen gehören. Weitere Besetzungen, weitere Schlägereien folgten; die Leute haben jetzt selbst »Schläger« angeheuert - Leute aus Nachbardörfern, denen sie einen Anteil am möglichen Gewinn versprechen.

Beispiel Polongbangkeng, Takalar: Enclosures 2008
Takalar in Südsulawesi ist etwa eine Stunde von Makassar entfernt. 1960 hatten die Bauern die Gegend besiedelt und mit Ackerbau angefangen. 1978 kam die Firma eines einflußreichen Politikers und nahm das Gebiet für den Zuckerrohranbau in Beschlag. Sie bekam die Genehmigung für den Bau einer Zuckerfabrik; die Bauern sollten mit wenig Geld entschädigt werden. Diese wehrten sich schon damals, zur Zeit der Diktatur aber ohne Erfolg. Aber nur sehr wenige nahmen die Entschädigung an. Die Firma gab das Land an eine Staatsplantage, die 1980 eine Nutzungsgenehmigung für 25 Jahre bekam. Um das Jahr 2000 fingen die Bauern erneut mit Aktionen an; als 2005 die Genehmigung formal ausgelaufen war, besetzten sie Teile der Fläche und pflanzten Mais an. Die Bewegung griff auf benachbarte Dörfer über, wo ebenfalls Land besetzt wurde. 2008 erneuerte der Bupati des Bezirks Takalar die Genehmigung der Staatsplantage auf 4500 Hektar bis 2024 – Zucker war gefragt, der Weltmarktpreis hoch, während der Mais und das Vieh der Bauern wenig zur Entwicklung der Gegend (und damit wenig zum Einkommen des Landrats) beizutragen schien. Im Oktober 2008 erschoß die Mobile Einsatztruppe der Polizei vier Bauern, die gerade ihr Vieh vom Feld treiben wollten. Seitdem ist die Atmosphäre hier und in den Nachbardörfern angespannt. Viele Bauern wollen aber die Bewegung aufrecht erhalten und versuchen mit Nadelstichen – etwa Sabotage an den Bewässerungsanlagen – den Zuckerrohranbau zu stören. Die Polizei erscheint immer wieder und verhaftet willkürlich Leute. Das ist auch der Grund, warum sie sich im Geheimen organisieren und keine »Führer« entstehen lassen, auch wenn es natürlich örtliche Autoritäten gibt. Gleichzeitig sind sie aber sehr offen gegenüber Menschen, die sie unterstützen. Mit der antiautoritären Gruppe Kontinum aus Makassar gibt es ein sehr freundschaftliches Verhältnis.

Noch haben die Bauern kleine Gärten vorm Haus. Da man davon nicht leben kann, versuchen sie ihr Glück in Makassar (auf dem Bau oder als Becak (Rikscha)-Fahrer) oder gehen saisonweise nach Malaysia, um sich dort auf Plantagen zu verdingen. Auf der Zuckerrohrplantage im Dorf arbeiten sie nicht – die bringt zur Ernte Landarbeiter von der Insel Java, die in armseligen Baracken untergebracht werden.

Bauern, Landarbeiter und Kapital
Romantische Vorstellungen, dass einfache, traditionelle Landwirtschaft produktiv und dabei nachhaltig ist, sind Illusion. Es gibt so gut wie keine gewachsene »traditionelle Landwirtschaft«: dass eine Familie seit mehr als drei Generationen den selben Boden bebaut, dürfte die absolute Ausnahme sein. Kolonialismus, Krieg, japanische Besetzung, Befreiungsbewegung und die Transmigrasi-Politik der Diktatur haben die Gesellschaft auch örtlich ziemlich durcheinander gemischt. So versucht halt jeder Bauer, etwas aus dem Boden zu holen und benutzt dazu wenig mechanische, sehr oft aber übergroße Mengen an chemischen Hilfsmitteln.

Wie viel Grund und Boden schon in die Hände anonymen Kapitals geraten ist, weiß unter den Bedingungen Indonesiens niemand. In Kalimantan (Borneo) zum Beispiel besitzen (als Eigentum oder Nutzungsrecht) zehn bekannte Großunternehmen (Sinar Mas, Lonsum, Indofood, Bakrie u.a.) 5,3 Millionen Hektar. Dazu dürfte einiges im Besitz von Tarnfimen kommen. Und viele andere sind auf der Jagd nach Land – für Plantagen, Bergwerke (von Kohle bis Gold), die viel Land verschlingen oder als Spekulationsobjekt. Relativ neu ist die Absicht der Regierung, Kapital zur Errichtung von »Food Estates« anzuwerben. 1,6 Millionen Hektar sollen allein bei Merauke auf West Papua bereitgestellt werden - die Produktion soll nächstes Jahr beginnen. Der Hauptinvestor kommt angeblich aus Saudi-Arabien.

In den 80er und 90er Jahren gingen die Bauern – vor allem die jungen Männer und Frauen – entweder in die städtischen Fabriken oder (auf Java) die Fabriken kamen aufs Land. Diese Perspektive bietet sich heute nur noch selten, da kaum mehr neue Textil- oder Schuhfabriken entstehen. Die Alternative ist – vor allem für Leute, die in die Stadt pendeln können – Arbeit auf dem Bau oder allgemein im informellen Sektor. Der erlebt aber gerade eine Rationalisierungswelle nicht gekannten Ausmaßes. An jeder Ecke entsteht ein klimatisierter, 24 Stunden geöffneter kleiner Supermarkt, der genau das verkauft, was früher die StraßenhändlerInnen verkauft haben: Zigaretten, Klopapier, Getränke, Snacks. Zigtausende Franchise-Betriebe von Circle K, IndoMaret, 7eleven, Alfa etc. haben in den letzten vier Jahren aufgemacht, inzwischen dringen sie auch in die Dörfer vor. Carrefour will allein in diesem Jahr 1000 eröffnen. Fahrradbecaks (die klassische Arbeit für frisch in die Stadt gekommenen Bauern) werden mehr und mehr durch die teureren Mopedbecaks verdrängt. Neben der vorübergehenden Migration - Männer nach Malaysia, Frauen in die Golfstaaten – werden die meisten Bauern schlicht zur Landarbeiterin oder zum Landarbeiter werden.

Industrialisierung der Landwirtschaft: Fabrik oder Manufaktur?
»Die heutigen Lebensbedingungen der Plantagenarbeiter sind nicht weit von denen der Kolonialzeit entfernt« (Situmorang2, III), so ein Aktivist aus Medan. Das gilt vor allem für die Staatsplantagen und die alten kapitalistischen Plantagenfirmen (wie z.B. die London Sumatra). Die Staatsplantagen entsprechen bis heute dem kapitalistischen Produktionstyp der Manufaktur: sie beruhen auf Handarbeit, auch wenn es natürlich den einen oder anderen Traktor gibt. So produzieren Plantagen in Malaysia 33 Tonnen Rohpalmöl per Hektar und Jahr; die Plantagen in Indonesien 24 Tonnen und die Kleinbauern 14 Tonnen (Protes!, Feb., März 2010).

Die neuen Plantagen scheinen etwas moderner zu sein, aber nur graduell. Auch sie orientieren sich an den Verhältnissen in den Staatsplantagen. Es gibt wenige Festangestellte, deren Lohn nicht sehr hoch ist, die aber immerhin die üblichen Sozialleistungen haben. Es gibt »feste Tagelöhner«, die einen Vertrag haben (von dem die meisten nicht wissen, was drin steht) und die »freien Tagelöhner«, die nach Bedarf und Saison beschäftigt werden. Das können dann schon mal hunderttausend pro Plantage sein. Die Staatsplantagen haben umstandslos die Verhältnisse der späten Kolonialzeit übernommen, was man schon an der Sprache erkennen kann: Die Tagelöhner werden als »Annemer« bezeichnet, die einzelnen Gebiete heißen »Afdeling« usw. Die Soeharto-Diktatur hat verdiente Militärs mit der Leitung der Staatsplantagen betraut, was diese zu Zentren der Korruption gemacht hat. Die Zusammenarbeit zwischen Staatsplantage, Polizei, Militär, ehemaliger Staatsgewerkschaft ist mehr als eng. Linke Gewerkschaften hatten während der Reformasi-Zeit 1998-2002 bescheidene Organisationserfolge unter den Kulis; unter dem Druck von Gewalt, Einschüchterung, Bestechung sind sie so gut wie verschwunden. Es gibt heute viele NGOs oder »Gewerkschaften«, die sich irgendwie um die Bauern kümmern. Sie machen Schulungen zu besseren Anbaumethoden, organisieren im Konfliktfall Öffentlichkeitsarbeit und juristischen Beistand. Um die Plantagenarbeiter kümmert sich praktisch niemand. Mit der bemerkenswerten Ausnahme des KPS in Medan.

Der Lohn der Tagelöhner reicht auch bei überlanger Arbeitszeit nicht, um zu essen und die Kinder in die Schule zu schicken. Auch nicht, wenn beide Eltern auf der Plantage arbeiten und oft die Kinder auch noch helfen. Sie schlagen sich zusätzlich mit etwas Landwirtschaft, mit Nachbarschaftshilfe, mit Tageskrediten von Wucherern durch. Die Kinder haben keine Chance, mehr als die Grundschule zu absolvieren.

Die Kleinbauern wissen das alles und sie wissen auch, dass ihre Arbeits- und Lebensformen nicht wirklich eine Zukunft haben, ganz abgesehen davon, dass viele Junge eh schon weg sind. Sie kämpfen um ihr Recht, um angemessene Entschädigungen, gegen weitere Verarmung. Letztendlich kämpfen sie dagegen, Landarbeiter zu werden. Daß die Geschehnisse auf dem Land wenig Aufmerksamkeit einer städtischen Öffentlichkeit erlangen, trägt zusätzlich dazu bei, daß diese Kämpfe mit harten Bandagen gefochten werden. Polizei und private Schläger im Dienste der Plantagen gehen mit großer Brutalität vor; die Bauern mit Zähigkeit, großem Mut und einer Militanz, die oft vor keiner Eskalation zurückschreckt. Ihre Kämpfe sind die derzeit wichtigste gesellschaftliche Auseinandersetzung in Indonesien.

Entscheidend wird sein, ob ihre Kämpfe die Landarbeiter inspirieren, ob sich eine neue Bewegung der Landarbeiter und Bauern entwickeln kann – also eine revolutionäre Bewegung auf dem Land, die es in Indonesien schon einmal gegeben hat. Die Interessen von Landarbeitern und Bauern sind tatsächlich nicht identisch, aber ihre Lebensräume und Lebenserfahrungen sind vergleichbar und überschneiden sich. Bis zu einer Situation wie in Madagaskar 2009, wo eine Regierung gestürzt worden ist, weil sie die Hälfte des Ackerlandes an Daewoo verpachtet hatte, ist allerdings noch ein weiter Weg.

Dieser Artikel erschien in leicht gekürzter Form in der wildcat 90.

Fußnoten:
1 Um einem verbreiteten Irrtum vorzubeugen: Grundlage dieser Ordnung war die Kleinfamilie. Ein Mann kam in den Kreis der Anspruchsberechtigten und Kopfsteuerpflichtigen, sobald er geheiratet hatte.

2 Dies gilt so für die Insel Java. Auf anderen Inseln gab es auch andere Formen des Feudalismus, etwa ausgeprägte Sklaverei in Südsulawesi. Aber da steckt die historische Forschung noch in den Anfängen.

3 Es gibt auch andere Zählweisen, so geht das Statistische Amt von 25 Millionen Bauernfamilien 2003 aus. Das scheint dem Autor wenig realistisch. Worin sich alle einig sind: die Zahl der Bauern mit wenig Land nimmt zu und die Größe ihres Landbesitzes nimmt ab.

Quelle: http://www.umwaelzung.info/IndArt/Landraub.html

BUGI

Im Jahr 2012 haben hat eine in Deutschland lebende indonesische Gruppe an Studierenden die Idee gehabt, unterstützende Projekte im Bereich Bildung und Gesundheit für unser Heimatland zu organisieren. Mit UnterstützerInnen aus verschiedenen Ländern und Organisationen, wurde im August 2014 die der Verein BUGI gegründet.