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Indonesien

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Religiöse Freiheit

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Quelle: Riawan-Seibert

 

Hannover. „Indonesien ist auf dem gleichen Weg wie Pakistan“, prophezeit Andy Budiman. Er hält einen Kugelschreiber in der linken und einen weiteren in der rechten Hand. „Wenn hier die Toleranz ist“, Budiman hebt den linken Stift, „dann bewegt sich Indonesien immer mehr auf die Intoleranz zu.“ Er wackelt leicht mit dem rechten Stift.

Budiman verfolgt die religiösen Spannungen in seiner Heimat genau. Derzeit arbeitet er in der indonesischen Redaktion der Deutschen Welle in Bonn. Am Mittwochabend, 21. November, ist Budiman zu Gast beim Kirchlichen Entwicklungsdienst in Hannover.
 
Das Thema des Abends: Wie gestaltet sich Religionsfreiheit im größten muslimischen Land der Welt?
Journalist Andy Budiman und die indonesische Generalkonsulin Marina Estella Anwar Bey präsentieren die aktuelle Lage und stellen sich im Anschluss den Fragen des Publikums.
 
Bis in die hinterste Reihe stehen die Besucher der zweiten Podiumsdiskussion der Themenreihe Indonesien. Genauso vielfältig wie das asiatische Land ist das Publikum: Deutsche Studenten sitzen neben weitgereisten Senioren und jungen Indonesiern in bunten Hemden. Alle lauschen den Ausführungen der beiden Podiumsgäste.
 
Jahrelanger Streit um die Jasminkirche
 
Seit 2002 ein Streitpunkt: Die Jasminkirche in Bogor auf der Insel Java. Obwohl die Zentralregierung in Jakarta dem Kirchenbau schon vor zehn Jahren zugestimmt hat, muss die evangelische Gemeinde ihre Gottesdienste weiterhin unter freiem Himmel abhalten. Der Bürgermeister von Bogor findet immer neue Gründe die Fertigstellung der Kirche zu verhindern.
 
Für Andy Budiman ist dies kein Einzelfall: „In Indonesien gilt eine Trennung zwischen Staat und Religion. Trotzdem wird in 350 Dörfern islamisches Gesetz angewandt.“ So auch in der Provinz Aceh. In der Hauptstadt Banda Aceh habe die lokale Polizei 300 Frauen festgenommen, weil sie gegen die muslimische Kleiderordnung verstoßen haben. Diese besagt, dass die Muslima ihren ganzen Körper bis auf Füße und Gesicht verhüllen muss. Radikale Islamisten peinigten die unverhüllten Frauen, indem sie ihnen die Harre abschnitten oder mit Farbe übergossen. „Anderen Frauen, die lange Hosen trugen, wurden die Hosen zerschnitten“, erzählt Andy Budiman.
 
Verfassung garantiert Religionsfreiheit
 
Seit der Unabhängigkeit 1945 basiert die indonesische Verfassung auf den fünf Gedanken der Pancasila. Diese umfasst den Internationalismus, die nationale Einheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Der erste Grundsatz unterstreicht den Glauben an einen, allmächtigen Gott. „Unsere Verfassung garantiert jedem Bürger die Religionsfreiheit“, sagt Generalkonsulin Marina Estella Anwar Bey.
 
Im Vielvölkerstaat Indonesien leben mehr als 240 Millionen Menschen. Fast neunzig Prozent von ihnen bekennt sich zum Islam. Christen stellen in Indonesien die größte religiöse Minderheit. 6,9 Prozent der Bevölkerung sind Protestanten, knapp drei Prozent bekennen sich zum Katholizismus. Noch weniger, nämlich 1,6 Prozent sind Hinduisten und weniger als ein Prozent der Indonesier folgen dem Buddhismus oder dem Konfuzianismus.
 
All diese Religionen leben laut Verfassung gleichberechtigt nebeneinander. So haben Indonesier sowohl am Ende des Ramadan frei, wie auch an Weihnachten oder dem balinesischen Fest Galungan. Obwohl der überwiegende Teil der Bevölkerung Muslime sind, sei Indonesien kein islamischer Gottesstaat, betont Marina Anwar Bey. „Meine Familie, wir sind Christen und wir leben Seite an Seite mit den Muslimen. Es gibt immer noch eine sehr große Toleranz.“
 
Als internationales Vorbild führt sie das Demokratie-Forum auf der Insel Bali an. Seit 2008 treffen sich hier jedes Jahr Staatschefs aus der ganzen Welt und diskutieren, wie Friedenspolitik demokratisch durchzusetzen sei. Bereits seit 1998 arbeite die Regierung an umfassenden Reformen in Politik und Wirtschaft. Die Generalkonsulin wirft einige Punkte an die Wand. So fördere die indonesische Regierung den interreligiösen Dialog und die Toleranz gegenüber Minderheiten. Besonders wichtig sei die Zusammenarbeit mit religiösen Institutionen und Bildungseinrichtungen. Hier entstehe oft religiöser Fanatismus. Die Politik versuche radikale Bewegungen im Keim zu unterbinden.
 
Besucherin Brigitte Willach berichtet von Panzerfahrzeugen und Polizisten, die in der Hauptstadt Jakarta eine Kirche bewachten. Weihnachten unter Polizeischutz. „Da hatten wir schon ein mulmiges Gefühl im Bauch, als wir Weihnachten zur Messe gegangen sind“, erinnert sich Willach. Diese Spannungen seien ihr aber nur in Jakarta aufgefallen. In anderen Teilen des Landes leben Muslime, Hindus und Christen friedlich nebeneinander.
 
Akademiker denken radikal intolerant
 
Schon heute toleriert eine von vier Indonesiern Gewalt, um religiöse Konflikte zu lösen. 22 Prozent der Bevölkerung sind der Terrorgruppe Al Qaida gegenüber positiv eingestellt. Darunter sind leider auch Akademiker. Sie wurden offensichtlich durch Bildung verunsichert statt in der eigenen Identität gestärkt. Toleranz fällt ihnen schwer. „Zahlen die alarmieren“ so lautet Budimans motivierter Gewalttaten angemessen zu bestrafen. Im Moment hätten Richter Angst, gegen Übergriffe hart vorzugehen. Religiöse Minderheiten werden so weiterhin diskriminiert,
 
Unterstützen statt nur anklagen
 
„Wir sprechen von zwei ganz unterschiedlichen Problemen“, erläutert Generalkonsulin Anwar Bey, „ Das eine sind soziale Konflikte, das andere Gewalt, die von radikalen Gruppierungen ausgeht.“ Um diese beiden Probleme in den Griff zu bekommen, müsse die Zentralregierung in Jakarta die Verfassung in allen Provinzen durchsetzen. Eine echte Herausforderung in einem Land, dass vom östlichsten bis zum westlichsten Punkt gut 5000 Kilometer umspannt. Hinzu kommt, dass die Indonesier auf mehr als sechs tausend Inseln wohnen.
 
Generalkonsulin Anwar Bey kommt zu dem Schluss, dass die indonesische Regierung viel von Deutschland lernen könne. Besonders im verantwortungsvollen Umgang mit Sicherheitskräften und der Polizei. In Indonesien müssen sich die demokratischen und regionalen Strukturen erst festigen. Die Polizisten wüssten oft nicht, wie sie die gewalttätigen Konflikte lösen sollen.
Marina Estella Anwar Bey hofft auf die Hilfe der deutschen Regierung: „Man sollte nicht immer nur die Missstände anprangern, sondern uns auch unterstützen.“
 
Ein erster Schritt ist getan. Im vergangenen Jahr waren indonesische Parlamentarier in Berlin, um sich beim zweiten Interreligiösen Dialog über das Zusammenleben verschiedener Religionen auszutauschen. Dabei konnten sie zugleich einen Einblick in das föderale System zu gewinnen. Indonesien will weg von der Zentralregierung hin zum dezentralen Inselstaat, der sich an den Provinzen orientiert.
 
Neben dem Kirchlichen Entwicklungsdienst der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig und Hannovers (KED) hatten zu dem Abend folgende Organisationen eingeladen:
Die Vereinigung Indonesischer Studenten in Hannover (PPI), die Indonesische Katholische Studentenfamilie (KMKI), der Muslimische Verein Hannover (KMH) sowie die Balinesische Gemeinde Deutschland (NBB).
 
Moderatorin Dr. Cornelia Johnsdorf bedankte sich besonders beim hauptverantwortlichen KED-Referenten Christian Riawan-Seibert, der zwischenzeitlich sogar als Übersetzter einsprang. Nach der Diskussion blieb bei einem indonesischen Buffet genug Zeit, um auch die letzte Frage persönlich zu klären.

Christoph Niekamp

Bereits im 2. Jahrhundert breiteten sich der Hinduismus und der Buddhismus aus Indien aus. Arabische Händler brachten im 7. Jahrhundert den Islam nach Indonesien, der sich schnell verbreitete und bis zum 15. Jahrhundert gründeten sich auf vielen Inseln muslimische Königreiche. Mit Ankunft der Portugiesen im 15. Jahrhundert erreichte der Katholizismus Indonesien. Die niederländischen Kolonial brachten hundert Jahre später den protestantischen Glauben. Die kleinste Religionsgemeinschaft der Konfuzianisten besteht fast ausschließlich aus chinesischen Einwanderern.

Bildung

Staatliche Oberschule auf Sumatra | Quelle: Andreas Kurschat

Der KED-Infoabend am 23. November 2016 fand im Rahmen des Programms „November der Wissenschaft“ der Landeshauptstadt Hannover statt. Im Mittelpunkt stand das Bildungssystem in Indonesien. Der Wirtschaftswissenschaftler Dr. Jan Priebe von der Universität Göttingen, der im Auftrag der Weltbank die indonesische Regierung in Jakarta berät, berichtete über aktuelle Programme, mit denen die Schulbildung dort besonders in armen ländlichen Gegenden verbessert werden soll. Zuvor erläuterte die extra aus Hamburg angereiste Generalkonsulin der Republik Indonesien, Sylvia Arifin, in einem ausführlichen Grußwort die Rahmenbedingungen indonesischer Bildungspolitik. In einem weiteren Grußwort berichtete der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU im Niedersächsischen Landtag, Dirk Toepffer, von den Erfahrungen, die er im Rahmen einer Wirtschaftsdelegation in Indonesien gemacht hatte.

Im Bildungsniveau und im Zugang zu gut bezahlten Jobs gibt es in Indonesien, wie Jan Priebe ausführte, je nach Region und Einkommen der Familien große Unterschiede. Beim Ausbau des staatlichen Bildungswesens seit den 1970er Jahren wurden außerhalb der Städte zahlreiche Lehrkräfte ohne angemessene Ausbildung und mit entsprechend geringem Gehalt eingestellt, die nicht selten ihre Unterrichtspflicht zugunsten einträglicher Nebenjobs vernachlässigen. In Familien, die seit Generationen ohne Schulbildung in der Landwirtschaft arbeiten, wird teilweise auch der Nutzen formaler Bildung gar nicht als besonders hoch eingeschätzt und kaum Wert darauf gelegt, dass Kinder und Jugendliche erfolgreich das zwölfjährige Schulsystem durchlaufen. Neue Programme der Regierung beinhalten z. B. Stipendien für Schülerinnen und Schüler aus einkommensschwachen Familien unter der Bedingung, dass diese regelmäßig am Unterricht teilnehmen; ebenso sind auch attraktive Gehaltszuschläge für zertifizierte Lehrerinnen und Lehrer an deren regelmäßige Präsenz in den Schulen gebunden. Auf der Basis regelmäßiger Evaluationen, an denen der Referent selbst beteiligt ist, werden diese Fördermechanismen kontinuierlich nachjustiert.

An der lebhaften Diskussion im voll besetzten Saal beteiligten sich neben Fachleuten aus der Entwicklungsökonomik u. a. auch deutsche und indonesische Studierende aus Hannover und Braunschweig, von denen sich einige auch selbst entwicklungspolitisch – z. B. in den Vereinen BUGI und Weitblick – engagieren.

Andreas Kurschat

Palmölplantagen

Im Rahmen des Programms „November der Wissenschaft“ besuchten knapp 40 Teilnehmende am 21. November 2018 den Vortrags- und Diskussionsabend zum Thema Palmöl, zu dem der KED in Kooperation mit der Umweltschutzorganisation BOS Deutschland e.V. (Borneo Orangutan Survival) eingeladen hatte.

Der Entwicklungsökonom Dr. Christoph Kubitza von der Universität Göttingen, der dort im Sonderforschungsbereich „Ökologische und sozioökonomische Funktionen tropischer Tieflandregenwald-Transformationssysteme (Sumatra, Indonesien)“ arbeitet, gab einleitend einen Überblick über die Bedeutung von Palmöl als Wirtschaftsfaktor. Indonesien ist der weltgrößte Exporteur von Palmöl und verbraucht auch selbst große Mengen davon. Nicht nur für große Konzerne, sondern auch für viele Kleinbauern ist der Ölpalmenanbau ökonomisch attraktiv. Für neue Anbauflächen wird immer mehr Regenwald zerstört, Umweltschäden haben massive Ausmaße angenommen.

Nina-Maria Gaiser, Projektmanagerin bei BOS Deutschland in Berlin, schilderte die Umweltfolgen am Beispiel der vom Aussterben bedrohten Orang-Utans. Sie mahnte dazu, Nachhaltigkeitsstandards weltweit besser durchzusetzen und die Beimischung von Palmöl in Treibstoffen für Autos zu beenden.

Wie sich der Ölpalmenanbau umweltverträglicher gestalten lässt, erläuterte die Forstwissenschaftsstudentin Johanna Kückes, die im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Universität Göttingen den Wasserkreislauf im Umfeld von Ölpalmenplantagen auf Sumatra analysiert. In den dortigen Monokulturen können ökologische Verbesserungen dadurch erzielt werden, dass zwischen den Ölpalmen inselartige Gruppen anderer Bäume angepflanzt werden, deren Früchte sich ebenfalls ökonomisch verwerten lassen.

Lutz Heiden, Vertriebsmitarbeiter bei der Fair-Handels-Firma GEPA in Berlin, veranschaulichte schließlich am Beispiel des GEPA-Partners Serendipalm in Ghana, wie sich Palmöl auf kleinbäuerlicher Basis zu ökonomisch fairen und ökologisch nachhaltigen Bedingungen produzieren und vermarkten lässt.

Palmöl ist in bestimmten Lebensmitteln nicht ohne Qualitätseinbußen durch andere Öle ersetzbar. Zudem ist bei allen anderen Ölpflanzen der Flächenverbrauch (z.T. in denselben tropischen Regionen) sogar noch größer als bei Ölpalmen. Positive Beispiele wie dasjenige aus Ghana zeigen, dass es falsch wäre, Palmöl pauschal zu verteufeln. Im Rahmen unserer Ernährung haben wir allerdings die Möglichkeit, nicht nur beim Palmöl, sondern auch bei allen anderen pflanzlichen Ölen und sonstigen Zutaten auf Nachhaltigkeitszertifikate zu achten und Produkte zweifelhafter Herkunft zu meiden.

Andreas Kurschat

Kontakt

Kurschat
Andreas Kurschat
Tel.: 0511 35 37 49-36

BUGI

Im Jahr 2012 hatte eine in Deutschland lebende Gruppe indonesischer Studierender die Idee, entwicklungsbezogene Projekte im Bereich Bildung und Gesundheit für ihr Heimatland zu organisieren. Mit Unterstützung aus verschiedenen Ländern und Organisationen wurde im August 2014 der Verein BUGI – Bildung und Gesundheit für Indonesien e.V. gegründet.